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  • Die Kraft der Vielen koordinieren lernen!

    Netzwerk-Kampagnen – Bewegung in die Zivilgesellschaft bringen

    «Veränderung bedeutet Bewegung. Bewegung bedeutet Reibung. Nur in einer fiktiven Welt entsteht Veränderung ohne Konflikt.»
    Saul Alinsky

    Für «Nichtregierungsorganisationen» (NGOs) können Netzwerk-Kampagnen die Kampagnenform der Zukunft werden. Die Verbreitung von sozialen Medien macht wirkungsvolle Kommunikations-Tools verfügbar und bringt ein aktives Selbstverständnis potentieller Aktivist_innen. Zivilgesellschaftlichen Initiativen und NGOs müssen aber noch viel lernen, wenn sie die Reichweite sozialer Bewegungen und die Steuerbarkeit von klassischen Kampagnen in Netzwerk-Kampagnen kombinieren wollen. Wo genau noch Handlungsbedarf besteht, beobachtete ich als Sprecher von SOS Mitmensch, einer “pressure group”, für die ich Kampagnen zur Durchsetzung der Menschenrechte gemacht habe. Fünf Punkte greife ich hier heraus.

    Flüchtlings-NGOs und Netzwerk-Kampagnen – die Vorläufer

    Schon vor #unibrennt haben zivilgesellschaftliche Gruppen in Österreich Kampagnen in Netzwerkstruktur durchgeführt: Beim recht gebräuchlichen “open campaining” wird lediglich das gemeinsame Ziel festgelegt. Die Mitstreiter_innen agieren dann unabhängig und setzen die eigenen Ressourcen mit den jeweils bevorzugten Aktionsformen ein. Open campaining kommt vor allem dann zum Tragen, wenn detaillierte Koordination mehr Aufwand als Nutzen bedeutet. Zum Beispiel, wenn Akteur_innen mit sehr unterschiedlicher Arbeitsweise zusammen finden sollen.

    Politische Gruppen schöpfen ihren Antrieb aus inhaltlicher Abgrenzung und setzen deshalb meist auf die Dynamik von Konfliktstrategien. Diese werden von NGOs, etwa sozialen Wohlfahrtsverbänden, als riskant und anstrengend eingeschätzt. Große NGOs verfügen oft über ausreichend personelle und finanzielle Ressourcen um Lobbying- oder Public Relations-Strategien umzusetzen. Konfliktstrategien sind zweite Wahl, was NGOs von politischen Gruppen mitunter den Vorwurf des übertriebenen Pragmatismus einbringt. Noch ein Unterschied: Mit der Größe einer Organisation steigt nicht nur die Ressourcenstärke, sondern auch die Komplexität der Entscheidungsstrukturen. Kooperation zwischen Großen und Kleinen wird allein schon durch unterschiedliche Geschwindigkeiten erschwert. Trotz dieser Verschiedenheiten gelingt es im Asyl- und Flüchtlingsbereich immer wieder, die Wohlfahrtsverbände, NGOs und politische Gruppen zu Kooperationen zu bewegen.

    Die Kampagne «Existenzsicherung für Flüchtlinge», mit der im Jahr 2003/04 eine allgemeine Grundsicherung für Asylsuchende (“Weihnachtsfrieden”) durchgesetzt wurde, vereinte die Beteiligten durch die Dringlichkeit des Zieles: Tausende obdachlose Flüchtlinge von der Straße zu holen. Während die großen Hilfsorganisationen mit dem damaligen Innenminister Ernst Strasser verhandelten, organisierten die kleinen NGOs medienwirksame Protestaktionen auf der Straße.

    Bei der Bleiberechts-Kampagne 2008/09 gelang es, Akteur_innen mit zum Teil unvereinbaren Positionen und ohne Kooperationsbereitschaft durch das Setzen eines wirksamen Fokus zusammen zu spannen. Die teilnehmenden Flüchtlingsorganisationen erklärten den 10. Oktober 2008 auf Initiative von SOS Mitmensch zum «Tag des Bleiberechts». Damit stießen wir konzertierte Aktionen an, ohne dass sich je alle Beteiligten gemeinsam an einen Tisch gesetzt hätten. Der Kampf um die Deutungshoheit über den Bleiberecht-Begriff spornte einige antirassistische Kräfte besonders an. Um die als defensiv empfundenen Forderungen der Hilfsorganisationen zu konterkarieren, nannten sie den Tag schlicht «Tag der Bewegungsfreiheit». Den Kampf ums Bleiberecht haben wir unterm Strich trotz makelhafter Gesetzgebung gewonnen, da die Öffentlichkeit ein solches mittlerweile anerkennt. Noch heute verweisen Flüchtlingshelfer_innen erfolgreich auf die Idee des Bleiberechts, um die Interessen von Asylsuchenden und Migrant_innen gegen abschiebelustige Behörden durchzusetzen.

    Auch die Mobilisierung per Internet ist kein Phänomen der Facebook-Generation. Schon 2000 und davor bedeutete der Einzug des Kommunikationsmediums E-Mail eine wesentliche Arbeitserleichterung für NGOs. Dauerte das faxen einer Presseaussendung vor 1999 noch einen ganzen Vormittag, so bedurfte der Versand per E-Mail-Presseverteiler nur mehr eines Knopfdrucks. Die erste Massenmobilisierung per E-Mail gelang SOS Mitmensch am 2. Februar 2000 gegen die Schwarz-Blaue Bundesregierung. Laut Polizeiangaben nahmen 15.000 Personen an der Kundgebung teil, die erst 24 Stunden zuvor angemeldet und am Vorabend durch eine E-Mail-Kette beworben wurde.

    #unibrennt – Die Emergenz eines neuartigen Netzwerk-Protests

    Eine Kampagne unterscheidet sich von einer sozialen Bewegung durch ihren höheren Grad an Planung und Koordination. Das schränkte die Reichweite der Beteiligten vor Web 2.0 drastisch ein. Die #unibrennt-Proteste befinden sich irgendwo zwischen sozialer Bewegung und klassischer Kampagne. #unibrennt war in Österreich und darüber hinaus netzwerkartig organisiert, mit flachen Hierarchien, vielen dezentralen Knotenpunkten und ohne dominante, kontrollierende Zentren. Man ist deshalb geneigt, eher von einer sozialen Bewegung zu sprechen, als von einer Kampagne. Doch dagegen spricht die kollektive Strategiearbeit, bei der mit Hilfe von Web 2.0 unter breiter Beteiligung über Ziele, Taktik und Mitteleinsatz verhandelt wurde.

    Klassische Kampagnen funktionieren dann gut, wenn wenige Steuerleute über viele Ressourcen verfügen. Soziale Bewegungen sind wirkmächtig, wenn sehr viele ihre relativ geringen Ressourcen trotz fehlender Steuerung in den Dienst desselben Ziels stellen. Netzwerk-Kampagnen ermöglichen es, geringe Ressourcen von Vielen koordiniert einzusetzen. Netzwerk-Kampagnen bauen dabei nicht nur auf die technischen Möglichkeiten des Web 2.0, sondern auch auf das Selbstbild der Teilnehmer_innen, die von Social Media geprägt sind: Sie sehen sich nicht als passive Konsument_innen sondern als aktive Beitragende.

    Für zivilgesellschaftliche Gruppen könnten Netzwerk-Kampagnen die Kampagnenform der Zukunft werden. Allerdings ist es für die meisten NGO-Menschen noch mit einem hohen Lernbedarf verbunden, Web 2.0-Techniken und Social-Media-Kultur in ihre Arbeit zu integrieren. Im Folgenden arbeite ich fünf Punkte heraus, wo ich besonderen Handlungsbedarf festmache, um die Möglichkeiten besser auszuschöpfen.

    Skalierbare Kampagnentools und klar definierte Beitragsmöglichkeiten

    Will man die Kraft der Vielen nutzen, lohnt es bei der Bereitstellung von Kampagnen-Tools sehr viel Sorgfalt in deren Skalierbarkeit zu legen. Das bedeutet, dass der Aufwand nicht proportional mit den Anwender_innen wächst. Das Paradebeispiel für eine Netzwerk-Kampagne mit hoher Skalierbarkeit ist die Wahlkampagne von Barack Obama. Tausende Amerikaner_innen registrierten sich auf der Website «MyBarackObama.com» als Fundraiser_innen und Campaigner_innen. Einschulung und Anleitung für die teilweise komplexen Aktivitäten erfolgen über weite Strecken online und erforderten deshalb keinen (bedeutend) steigenden Mitteleinsatz, ob sich nun hundert oder hunderttausend Personen beteiligen. Das Online-Tool animierte etwa zum Anruf bei potentiellen Wähler_innen und schlug dafür Telefonnummern und einen Gesprächsleitfaden vor. Fände eine solche Einschulung und Betreuung offline statt, stiege der Aufwand mit jeder zusätzlichen Person, die mithelfen will. Die Effektivität von skalierbaren Tools steigert sich noch, wenn nicht nur die Durchführung des Tools, sondern auch die Rekrutierung von Beiträger_innen skalierbar ist, wenn also zum Beispiel gleich eine “Tell your Friends”-Funktion in das Tool integriert ist.

    Der Aktionstag Bleiberecht für alle im Oktober 2008Ute Bock VideoBockCast im Sesselmeer am Wiener BallhausplatzTag des Bleiberechts

    DER AKTIONSTAG, DER BEGRIFF, DIE IDEE DES BLEIBERECHTS
    ➊ Der «Tag des Bleiberechts» wird von vielen Gruppen und in verschiedenen Städten aufgegriffen. Eine Open Space Konferenz im Vorfeld fördert den Austauch von Ideen, der Tag wird zu einem «dezentralen Aktionstag».
    ➋ Vor dem Bundeskanzleramt und in anderen Städten wird ein Sesselmeer inszeniert, der «VideoBockCast» berichtet. Die “Sesselmeer” wird seitdem immer wieder aufgegriffen.
    ➌ Die Beteiligung ist groß und breit, der Organisation von Ute Bock wird der Rücken gestärkt, der Begriff und die Forderung des Bleiberechts sind nachhaltig in die öffentliche Diskussion eingebracht.

    Weniger gut gelang die Skalierbarkeit bei «Rassismus streichen», einer Kampagne gegen rassistische Beschmierungen an Wiens Hauswänden, die SOS Mitmensch 2006 lancierte. Primäres Kampagnentool war ein WatchBlog. “Rassismus-Paparazzis” speisten den Bild-Blog rassismusstreichen.at von unterwegs mit Handy-Fotos von rassistischen Parolen an Wiens Hauswänden. Mit dem “Antirassistischen Stadtplan” machten wir die erstaunliche Verbreitung der Hetz-Parolen sichtbar. Die technischen Möglichkeiten von damals erforderten das händische Eintragen der Fundort-Adresse durch die oder den Rassismus-Paparazzi, sowie das manuelle Übertragen der geposteten Bilder in die Google-Map durch Mitarbeiter_innen von SOS Mitmensch. «Rassismus streichen» erhielt Anerkennung von Fachleuten, doch den harte Kern der Paparazzis bildeten Technik-Freaks und persönlich eingeschulte Aktivist_innen. Beim heutigen Stand der Technik fände eine Smart-Phone-App mit automatischem Geotagging der Bilder wahrscheinlich weite Verbreitung.

    Je klarer die Partizipations-Schnittstellen definiert sind, desto leichter ist die Teilnahme für die Beiträger_innen. Zum «Tag des Bleiberechts» versuchten die Hilfsorganisationen in allen Landeshauptstädten ein “Sesselmeer” zu organisieren. Als klar wurde, dass die Ressourcen der Landesorganisationen dafür nicht reichen, wurden andere lokale Gruppen gesucht. Eine detaillierte Anleitung sollte diesen die Vorbereitung erleichtern. Zufällig stießen auch Initiativen in Bezirksstädten auf diese Checkliste und nahmen sie zum Anlass, ein eigenes “Sesselmeer” durchzuführen.

    Aktivitäten zusammenfassen und zentral sichtbar machen

    Ein Netzwerk ist umso robuster, je mehr Knotenpunkte es hat. Über Kommunikation und Aktivitäten in einem großen Netzwerk verliert man aber schnell einmal den Überblick. Dabei ist es für Aktivist_innen motivierend zu erfahren, dass viel passiert. Deshalb ist es sinnvoll, Informationen zu sammeln und über einen zentralen Punkt erreichbar zu machen. Viele Web 2.0-Tools bieten heute auch die Voraussetzung, um Informationen von sehr vielen Lieferant_innen zu strukturieren und aufzubereiten. Auf Flickr.com ist etwa rasch eine Gruppe eingerichtet, die alle Fotos von einer Aktion auf einer Seite bündeln, obwohl sie von verschiedenen Fotograf_innen stammen. Die Vielfalt von heterogenen Netzwerken ist ein Vorteil, da sie Innovation fördert und differenzierten Erwartungen unterschiedlicher Zielgruppen gerecht werden kann – ideal ist, wenn Interessierte auch noch schnell den Weg zur gewünschten Information finden.

    Bei «Machen wir uns stark» wurden über eine Website 3333 Spender_innen gesucht, die 15 Euro zur Finanzierung der Kundgebung am Heldenplatz beitragen. Wir richteten auch eine Facebook-Page ein, um viele Interessierte zu erreichen, die vollständige Integration der Spenden-Website konnten wir aber nicht umsetzen. Eine unbefriedigende Lösung. Das Spendenziel erreichten wir, und doch verpuffte einiges an Mobilisierungskraft. Weder wurden die Spender_innen automatisch in die Kommunikation auf Facebook involviert, noch wurden die Facebook-User_innen automatisch über eingehende Spenden von Freund_innen informiert und so zu neuen Anstrengungen motiviert.

    Eine gute Geschichte erzählen und relevant sein

    Gerade wenn eine Kampagne auf die Ressourcen der Vielen abstellt, muss sie relevanter sein, als andere. Auf Facebook wird man täglich mit kreativ umgesetzten Anliegen konfrontiert. Irgendwann geben es die meisten Nutzer_innen auf, allen Gruppen beizutreten, deren Ziele sie eigentlich teilen würden. Aufmerksamkeit, Zeit und Ressourcen sind beschränkt. Wenn andere Menschen dazu gebracht werden sollen, ihre Ressourcen genau für diese eine Aktion einzusetzen, dann muss sie sich von anderen abheben.

    Die wichtigste Grundlage für eine relevante Kampagne ist eine gute Geschichte. Diese beschreibt, welches Problem interessierte Aktivist_innen durch Ihren Beitrag lösen werden. Für die Qualität der Geschichte gelten formale Kriterien (wie Klarheit, Kürze und Konsistenz) ebenso wie inhaltliche. Journalistische Relevanzkriterien beschreiben ganz gut, was den Inhalt einer guten Geschichte ausmacht: Unter anderem Aktualität, Originalität, Bekanntheit der Protagonist_innen, Nähe zur und Betroffenheit der Zielgruppe sowie Dramaturgie. Eine gute Geschichte ist eine gute Geschichte, wenn sie weitererzählt wird und sich “wie von selbst” verbreitet.

    Mit der «Asylwette» versuchte SOS Mitmensch den wenig originellen Sachverhalt eines verfassungswidrigen Asylgesetzes mit einer gelungenen Verpackung berichtenswert zu machen. Auf einer Website wurden Einsätze gesammelt, um Innenministerin Liese Prokop eine Wette darüber anzubieten, dass auch die damals geplante Novelle vor dem Verfassungsgericht nicht halten werde. So wie zahlreiche Gesetze zuvor. Immerhin lehnte die Ministerin die Wette offiziell ab und stieg damit auf den Diskursrahmen ein, ob ihr Gesetz verfassungskonform sei oder nicht. Die gesammelten Einsätze wurden der Betreuungseinrichtung für Folteropfer, Hemayat, gespendet, das Gesetz vom Höchstgericht korrigiert.

    Leider begünstigen sowohl die Mächtigkeit der Protagonist_innen als auch die zur Verbreitung eingesetzten Mittel die Wirksamkeit einer Geschichte. Zivilgesellschaftliche Gruppen müssen deshalb in Konkurrenz zu ressourcenstarken Interessensverbänden und Parteien immer auch die besten Geschichten erzählen, um diesen Nachteil auszugleichen.

    Auf Alltagshandlungen und Beziehungen abstellen

    1948 etablierte Earl Silas Tupper für seine Küchenwaren “Tupperpartys” als Vertriebsschiene und nutzte persönliche Beziehungen und Freundschaft erfolgreich als Verkaufshilfe. Eine Film-Empfehlung durch enge Freund_innen hat einen anderen Stellenwert als die Empfehlung durch eine_n Unbekannte_n. Dieses Prinzip nutzend verwenden Campaigner_innen Tools, die auf Alltagshandlungen und Beziehungen abstellen. In den USA hat diese Form des “Vertriebs” auch eine lange Tradition für die Verbreitung politischer Ideen. Wahlpartys zur Mobilisierung von Freund_innen und Bekannten oder landesweite Filmscreenings im privaten Rahmen zur politischen Aufklärung finden großen Anklang. Worin auch immer die Gründe für die geringe Verbreitung dieser Methode im deutschsprachigen Raum liegen mögen, es bedarf wahrscheinlich noch einiger Anstrengung, um sie für die hiesigen Gewohnheiten zu adaptieren.

    Die Bereitschaft sich für eine Kampagne einzubringen steigt außerdem, wenn diese auf Alltagshandlungen abstellt. Werden Tätigkeiten, die Menschen sowieso (gerne) machen, zur Erreichung eines Kampagnen-Zieles eingesetzt, so erhöht dies die Chance, dass sich viele Aktivist_innen finden.

    Bock auf Bier

    «Bock auf Bier», eine Kampagne die SOS Mitmensch 2003 gemeinsam mit einem Personenkomittee durchführte, setze gemeinsames Bier Trinken und Konzertbesuche als Kampagnentool ein. 70 Szenelokale in Wien spendeten 10 Cent pro getrunkenem Bier an die Flüchtlingshelferin Ute Bock, die mit ihren privaten Mitteln mehr als hundert Obdachlose Flüchtlinge untergebracht hatte. In Folge stellte eine Brauerei 60.000 Flaschen Bier in der Spezialedition «Bock auf Bier» her und spendete diese der Kampagne zum Verkauf.

    An die “Bier-Kampagne” schloss mit «Bock auf Kultur» eine Veranstaltungsreihe mit 50 Veranstaltungen an. Unter dem Motto «Solange Flüchtlinge auf der Straße stehen, müssen wir auftreten» bespielten Musiker_innen, Kabarettist_innen und Literat_innen kostenlos die beteiligten Lokale. “Pay as you wish” ermöglichte den Besucher_innen die Höhe des Eintrittsgeldes selbst zu bestimmen und den Organisator_innen mit tausenden Gästen über die Lage von Flüchtlingen ins Gespräch zu kommen. In vier Monaten konnten so 60.000 Euro lukriert und Frau Bocks Wirken, das in einem Land wie Österreich nicht auf ungeteilte Zustimmung stößt, durch Öffentlichkeit geschützt werden.

    Motivation und Interessen der Beitragenden kennenlernen

    Wenn es gelingt, die Interessen und Motivationen von potentiellen Aktivist_innen anzusprechen, werden diese ohne “Gegenleistung” handeln. Die Studierendenproteste haben beispielsweise handfeste Interessen von Student_innen kanalisiert. Sie mobilisierten aber auch altruistische Motive. Etwas Sinnvolles für die Gesellschaft zu tun ist nach wie vor für viele Menschen ein Ansporn, sich in den Dienst der Sache zu stellen. Kurzfristige und intensive Mobilisierung ist möglich, wenn Empörung oder Wut aufgegriffen wird.

    Im Gespräch mit potentiellen Aktivist_innen, können Campaigner_innen deren Motive und Interessen kennen lernen. Kommunikation über Ziele, Strategien und Methoden einer Kampagne steigern Identifikation und Aktionsbereitschaft von Aktivist_innen. Das frühe Einbinden von Interessierten kann zudem die Qualität einer Kampagne steigern. Zu oft empfinden jedoch NGOs Feedback und Kritik als Gefahr für ihre Arbeit, da sie mit sozialen Medien noch nicht ausreichend Erfahrung gesammelt haben. Sie fürchten Kontrollverlust oder das Zurückweisen von Anliegen Interessierter. Diese Befürchtungen nehmen ab, wenn Organisationen geübter mit Sozialen Medien werden und klare Beteiligungsmöglichkeiten etablieren. Die Formulierung des Kampagnenziels, die Auswahl der Grafik-Vorschläge oder eine Ideenbox; wie stark Aktivist_innen in Entscheidungsprozesse eingebunden werden, bleibt der Organisation überlassen. Enttäuschung darüber, nicht überall mitreden zu dürfen bleibt dann aus, wenn Organisationen von Anfang an klarstellen, welche Form der Mitwirkung möglich ist und welche nicht.

    Prominente mit Bock auf BierDie interaktive Wienkarte von Rassismus StreichenLichterkette rund um das Parlament im Juni 2009

    DIE COMMUNITY SICHTBAR MACHEN, ALS COMMUNITY ARBEITEN
    ➊ Ein Plakat zur «Bock auf Bier» Kampagne macht die Community der prominenten Unterstützer_innen sichtbar.
    ➋ Der Rassismus Streichen Stadtplan von Wien ist eine Community Leistung, durch die Hausverwaltungen und Stadtregierung unter Druck gesetzt werden, gegen rassistische Beschmierungen vorzugehen.
    ➌ Die selbstorganisierte Lichterkette rund um das Parlament wird 2009 zu einem wirkungsstarken Zeichen der Menschlichkeit. Die Initiative geht von zwei Studentinnen aus, die via Facebook einen Aufruf starten, weil «wir die hiesigen Zustände nicht mehr untätig ertragen können». Das mediale Echo ist enorm (Foto ©Martin Juen).

    Ausblick und Chance einer Zivilgesellschaft 2.0

    NGOs und zivilgesellschaftliche Initiativen sind in der Regel kreativer und innovativer als Interessensverbände und Parteien. Sie haben gelernt, mit geringen Ressourcen viel zu bewegen. Man kann zuversichtlich sein: Der Zivilgesellschaft wird es rascher gelingen, das Potential von Web 2.0-Techniken und Social-Media-Kultur zu nutzen, als unseren Gegenspielern in Politik und Wirtschaft. Das wird uns bei der Durchsetzung der vielen wichtigen Anliegen, die wir vertreten, einen Vorteil bringen. Aber nicht nur. Soziale Medien werden sich vermutlich noch als Katalysator von starken Demokratisierungs-Impulsen erweisen. Sowohl in Staat und Gesellschaft, als auch in den Initiativen und Organisationen selbst.

    Es fehlt nämlich nicht nur den öffentlichen Vertretungskörpern an adäquaten Beteiligungsmöglichkeiten. Die konsequente Auseinandersetzung mit den Erwartungen und Wünschen von potentiellen Aktivist_innen wird mittelfristig die Qualität von Entscheidungsprozessen in NGOS verbessern und den Weg für klare Mitwirkungs-Verfahren ebnen. Zumindest die early adopters unter den zivilgesellschaftlichen Gruppen werden durch ihre Lernbereitschaft mit plan- und steuerbaren Ressourcen in beträchtlichem Umfang belohnt werden.

    Zusammenfassung

    Die Kampagnenarbeit von zivilgesellschaftlichen Gruppen hat sich schon durch das Web 1.0 verändert. Allerdings waren Netzwerk-Kampagnen in Form von open campaining vor dem Web 2.0 auf wenige Mitstreiter_innen ausgelegt. Die Studierendenproteste #unibrennt haben gezeigt: Die Verbreitung von sozialen Medien ermöglicht es, die Reichweite sozialer Bewegungen und die Steuerbarkeit von klassischen Kampagnen in Netzwerk-Kampagnen zu kombinieren. Für NGOs und andere zivilgesellschaftliche Gruppen könnte dies zur Kampagnenform der Zukunft werden, da die Ressourcen von sehr vielen Aktivist_innen zugänglich werden. Noch müssen NGOs allerdings einiges an Lernprozessen durchlaufen, um Web 2.0 – Techniken und Social-Media-Kultur in die eigene Arbeit zu integrieren.

    Damit aus einer Kampagne eine Netzwerk-Kampagne wird, welche die Kraft der Vielen zum Einsatz bringt, müssen Kampagneninformationen und -materialien sowie klar definierte Beitragsmöglichkeiten skalierbar sein. Das bedeutet, dass der Aufwand nicht proportional mit den Anwender_innen wächst. Das Web 2.0 bietet Möglichkeiten, dass koordinier- und planbare, dezentrale und netzwerkförmige Kampagnen nahezu beliebiger Größe organisiert werden können, die durch ihre Größe ein politischer Faktor werden.

    • Skalierbare Kampagnentools und klar definierte Beteiligungsmöglichkeiten anbieten, aber auch Raum für kreatives andocken an Kampagnen offen halten.
    • Die Bereitschaft von potentiellen Aktivist_innen, sich im Rahmen einer Kampagne einzubringen, steigt, wenn diese auf Alltagshandlungen abstellt, handfeste Interessen kanalisiert, aber auch altruistische Motive mobilisiert.
    • Netzwerk-Kampagnen sollten eine interessante Geschichte erzählen, die formal und inhaltlich gut beschreibt, welches Problem Interessierte durch Ihren Beitrag lösen werden.
    • Eine zentral zugängliche Darstellung der laufenden Aktivitiäten wirkt motivierend und hilft bei der Verbreitung des Anliegens.