Arbeitnehmer Betriebsrat Gegenöffentlichkeit Gewerkschaft Kampagnen Partizipation Vernetzung

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  • Visionen einer Gewerkschaft 2.0

    Interessenvertretung zwischen Grassroots und Parlament

    «Ich meine, Politik muss sich um die Meinung der Menschen kümmern, um die Probleme und sie muss die Menschen erst mal hören. Und wir wollen alle ansprechen und wir meinen das ernst. Wir haben nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen, wir behaupten nicht, dass alles was wir sagen auf Zustimmung trifft. Das muss es auch nicht. Wir wollen eine lebhafte Debatte haben, auch im Internet. Also: Wir wollen einfach eine offene Debatte.»
    Berthold Huber

    Gewerkschaften und “Web 2.0″, das scheint keine große Geschichte und kaum ein Thema zu sein. Gewerkschaften und “Social Media”, da verhält es sich ähnlich: keine große Geschichte, nichts allzu Bemerkenswertes. Da gibt es zuerst einmal die Webauftritte der diversen Gewerkschaften, die punkto Web 2.0 hinterher hinken, aber daran wird gearbeitet. Außerdem gesellen sich zu den großen Homepages zunehmend die flexibleren themen- oder zielgruppenspezifischen Webauftritte, die mit wachsender Erfahrung auch interaktiver, partizipativer und offener werden.

    Was die Social Media betrifft, da sind Gewerkschaften mittlerweile selbstverständlich auf Facebook präsent, es gibt Blogs und YouTube-Kanäle. Die Plattformen werden heute nicht mehr von einzelnen, zentralistischen Auftritten dominiert, sondern auch von mehreren, diversen Unterorganisationen mit eigenen Seiten, Konten und Kanälen bevölkert; regionale Gruppen hier, lokale Branchenverbände da, dort eine Jugendgruppe, hier ein thematisches Netzwerk etwa zu Zeitarbeit, dort eine Seite eigens für einen Kongress, der sich beispielsweise dem Organizing widmet. Etwas flapsig zusammengefasst: ja, da tut sich etwas, aber alles in allem keine große Geschichte. Wir lesen eben nicht in auflagenstarken klassischen Medien, dass Gewerkschaften und Web 2.0 oder Social Media eine “Erfolgsstory” wären, so wie wir das sehr wohl lesen, wenn es um Obama und Social Media geht, um neue Protestbewegungen und Social Media, manche Unternehmen und Web 2.0 oder auch: NGO und Social Media – und Ausnahmen bestätigen hier erst recht die Regel.

    Diese flapsige Zusammenfassung wollen wir nicht als Bewertung verstanden wissen, sondern als unaufgeregte Feststellung und als Ausgangspunkt. Der Ist-Zustand – wie es um Gewerkschaften, Web 2.0 und Social Media steht – wird naturgemäß unterschiedlich bewertet werden, je nach Kontext und je nach Kontextualisierung. Stellt sich die Frage: Wollen wir auch an einem Soll-Zustand bemessen, und wenn ja, wie sieht dieses “Ideal” aus? Bemessen wir am Weg, der zurückgelegt wurde, an der Geschwindigkeit von Fortschritten, die gemacht werden? Bewerten wir genutzte Potenziale höher, oder messen wir an brach liegenden und nicht genutzten Potentialen? Messen wir Umsetzungen an den Idealen von Gewerkschaft oder die Gewerkschaft an den Idealen von Web 2.0 oder Social Media? Um es vorweg zu nehmen: Wir wollen hier gar nicht bewerten, sondern Material für mögliche Antworten auf solche Fragen liefern. Uns geht es nicht um ein Urteil, nicht um die Formulierung unserer Idealvorstellungen. Wir untersuchen, wie Gewerkschaften mit Web 2.0 und Social Media strukturell zusammenpassen beziehungsweise was sie miteinander zu tun haben. Wir wollen versuchen zu skizzieren, welche Wege beschritten werden könnten und was – für uns – so alles vorstellbar wäre, ganz im Sinne eines «Visionen»-Beitrags.

    Wie passt das zusammen?

    Unter dem Begriff Gewerkschaften können wir viel verstehen. Gewerkschaften sind eine Organisationsform von Lohnabhängigen. Sie sind Mitgliedervereine. Sie sind etablierte Apparate, politische Player, Nicht-Regierungsorganisationen (NGO), gemeinnützige Körperschaften mit Verhandlungsmandaten. Sie sind Gruppen zweiter Ordnung, das heißt komplexe Institutionen mit vielen, sehr vielen Untereinheiten und -gruppen, die innerhalb der Gesamtorganisation verbunden sind und in komplexen Abstimmungsverhältnissen stehen. Sie sind die formalen festen Organisationen, die aus einer soziale Bewegungen hervorgegangen sind, die es auch weiterhin noch gibt. Selbst wenn es im deutschsprachigen Raum schon wieder eine Zeit lang her ist, sie sind aus der Selbstorganisation Vieler hervorgegangen. Und wenn Gewerkschaften heute bei uns mit großen Apparaten verbunden werden, so ist das zum einen die Folge der Erfolgsstory der Gewerkschaften selbst, und zum anderen keine Selbstverständlichkeit, wie der Blick in andere Weltregionen sofort zeigt. Auf der Ebene der Betriebe gibt es dabei selbst bei uns weiterhin die Notwendigkeit der Selbstorganisation, um zum Beispiel einen Betriebsrat durchzusetzen, oder um uns in ausgesetzten Branchen, wo es keinen oder nur geringen “Organisationsgrad” gibt, überhaupt einmal zu organisieren. Diese Mitgliederorganisationen sind schließlich auch noch die größten Vereine mit den meisten Mitgliedern, die alle Interessen, Kompetenzen und Rechte in ihren Gewerkschaftsorganisationen haben. Dort, wo viele Unternehmen, wahlwerbende Gruppen oder NGO mit Web 2.0-Tools und Social Media-Einsatz versuchen Kontakte zu sammeln, haben die Gewerkschaften bereits so viele Kontakte wie sonst kaum eine Organisation.

    Die Gewerkschaften sind neben den großen Kirchenorganisationen und deutlich vor den Parteien die Vereine und Organisationen mit den umfangreichsten Mitgliederdatenbanken. Diese Mitglieder haben demokratische Mitbestimmungsrechte in ihren Gewerkschaftsorganisationen. Sie verfügen zudem über vielfältige Kompetenzen, Verbindungen und eine starke, geteilte Identität. Wenn Attac weltweit auf knapp hunderttausend Mitglieder kommt, dann sind es in Österreich mehrere Hunderttausend und in Deutschland Millionen Mitglieder allein in den größeren Gewerkschaften. Dabei sind, um das Beispiel fortzuspinnen, viele Attacies Gewerkschafter_innen und sowieso viele Gewerkschafter_innen in der Zivilgesellschaft aktiv. Damit sind bereits Bedingungen gegeben, für die kollaborative Werkzeuge und Plattformen wie Wikis wie geschaffen sind, und strukturelle Voraussetzungen, für die sich partizipative Veranstaltungen fast zwingend anbieten. Bei Millionen Mitgliedern liegt es auf der Hand, dass unter den Benutzer_innen von Plattformen wie Facebook eine Menge Gewerkschafter_innen zu finden sein müssen. Bei der großen Basis an eigenen Mitgliedern drängt sich jedoch auch der Aufbau eigener Mitglieder-Netzwerke auf, Plattformen zum internen sozialen Netzwerken, zur Verdichtung der internen Kommunikation und zur innerorganisatorischen Abstimmung. Eigentlich ist kaum eine Organisation denkbar, für die Liquid-Feedback-Systeme und ein Liquid-Democracy-Ansatz geeigneter sein könnten.

    Aber Gewerkschaften repräsentieren nicht nur als Vereine ihre eigenen Mitglieder. Ihre Mitglieder sind nicht nur in der Zivilgesellschaft überdurchschnittlich aktiv und vernetzt. Als gewichtige politische Akteure vertreten die Gewerkschaftsorganisationen viel mehr Menschen, da sie die Tarif- beziehungsweise Kollektivverträge ausverhandeln und im politischen System allgemein für die Interessen der Arbeitnehmer_innen einstehen. Sie haben Ziele, die von vielen Menschen geteilt werden. Partizipation und Kollaboration sind dementsprechend nicht nur organisationsintern, sondern auch mit Nicht-Mitgliedern gefragt, etwa für gesamtgesellschaftliche Kampagnen für mehr Verteilungsgerechtigkeit. Als große politische Player müssen die Gewerkschaften auch mehr Transparenzansprüchen genügen, als andere, kleinere und unbedeutendere, Vereine. Sie müssen mehr Öffentlichkeitsarbeit machen und sind dabei nicht nur den klassischen Medien und ihren Mitgliedern, sondern der gesamten Gesellschaft verpflichtet. Dafür wird in den Gewerkschaften auch viel Wissen produziert. Sie haben nicht nur viel Content anzubieten, sondern Spezialwissen, also einzigartigen Content, sogenannten “unique content“. Diese großen Organisationen mit den vielen Mitgliedern, von denen viele hochgradig vernetzt sind, sind somit funktionierende Apparate für die Verbreitung von Content und Wissen.

    Web 2.0, Social Media und Gewerkschaften passen auf struktureller Ebene offensichtlich sehr gut zusammen. Aus diesen – nur fragmentarisch skizzierten – strukturellen Entsprechungen lassen sich mehrere Stoßrichtungen ableiten; die Etablierung von gleichzeitig offenen und geschlossenen Mitglieder-Plattformen, die weitere Vernetzung zwischen Mitgliedern und zwischen Mitgliedern und anderen zivilgesellschaftlichen Gruppen, die weitere Verbreitung der speziellen Inhalte, die in gewerkschaftlichen Zusammenhängen erarbeitet werden und manches mehr. Die Grundlegung wäre bereits gegeben, dass das eine “große Geschichte” und “Erfolgsstory” sein könnte.

    Plattformen, Mitglieder-Plattformen und Netzwerke

    Mit eigenen Plattformen zu experimentieren, damit ist früh und lang vor der Emergenz eines «Web 2.0» begonnen worden, also bevor es diesen Begriff überhaupt gab. In Österreich kommt es bereits 2001 zur Gründung einer gewerkschaftsübergreifenden plattform «Gewerkschaften Online» (GO), die verschiedene Lösungen für webbasiertes Netzwerken und Informationsaustausch entwickelt. Bei den ab 2002 im Einsatz befindlichen “GO-Groups” und “GO-Netzwerken” handelt es sich um Kommunikationsplattformen für Betriebsrät_innen und Personalvertreter_innen. Die GO-Groups sind abgeschlossene Communities innerhalb einer Website, in denen Gruppen von Benutzer_innen miteinander kommunizieren können. Die GO-Netzwerke stellen eine Erweiterung des Konzeptes der Groups in Richtung “Mini-Websites” dar. User_innen können ihre eigene Website bauen, Community-Funktionen inklusive. Mit dem von GO entwickelten Baukastensystem lassen sich für damalige Verhältnisse einfach und schnell eigene Websites entwickeln, ganz ohne spezielle Programmierkenntnisse. Das Redaktionssystem ist das Gleiche wie für alle österreichischen Gewerkschaften, und Websites wie die des Österreichischen Gewerkschaftsbund (ÖGB) laufen bis heute auf diesem System. Diese frühen und visionären Entwicklungen finden vor Web 2.0 statt, also bevor Elemente wie Permalinks, Feeds und die Aggregation von Feeds oder Tagging-Systeme das Web verändern. Es ist die Ambivalenz der frühen Effizienz und guten Usability sowie des daraus erwachsenden Wachstums des «Gewerkschaften Online»-Systems, das irgendwann nachzuhinken begonnen hat. Das ist das Risiko eigener Systeme, und hier gleichen die Plattformen der mitgliederstärksten Vereine den bekannten Plattformen wie “StudiVZ” oder “Myspace”, irgendwann ist der Zenit überschritten und die Nutzer_innen wandern langsam ab, weil jüngere Systeme praktikabler und leistungsfähiger sind.

    Die Netzwerk-Plattformen der beiden großen Gewerkschaften Deutschlands sind jüngere Entwicklungen und Ansätze, teilweise bereits vor dem Hintergrund der Erfahrungen, die wir alle mit «Social Media» gemacht haben und machen; und das ist nicht nur ein technischer Hintergrund (Web 2.0), sondern ganz entschieden auch die Erfahrung mit neuen sozialen Organisationsformen für Informationsflüsse und Kommunikation. Das “social” in “Social Bookmarking“, “Social Tagging“, Social Media oder allgemein bei “Social Software” bedeutet schließlich nichts anderes. Es geht um eine Organisationsform, einen Modus wie Dinge passieren, nämlich selbstorganisiert durch die Aktionen von Nutzer_innen, die in vernetzten Gemeinschaften eben Dinge ablegen (bookmarken), beschlagworten (tagging) oder Nachrichten auswählen, einspeisen und weiterleiten (media). Mit dem «EXTRANET» der IG Metall und dem «Mitgliedernetz» von ver.di arbeiten diese Gewerkschaften an eigenen Plattformen, die in diese Richtung gehen. Auf beiden Netzwerk-Plattformen haben sich heute jeweils gut 60.000 Nutzer_innen angemeldet.

    Das EXTRANET steht allen Funktionären der IG Metall offen und bietet unter anderem auch Rechtstipps, Wirtschaftsdaten, Infografiken und Informationen über das Geschehen in den diversen Wirtschaftsbereichen. Den jungen Gewerkschaftsaktiven bietet das EXTRANET ein Jugend-Portal zur gegenseitigen Vernetzung. Die Plattform wird immer mehr zu einem ebenso großen wie doch geschützten Diskussionsraum. Redaktionell werden zu aktuell laufenden politischen Diskussionen Hintergrundinfos geliefert, und das in einem breiten Spektrum politischer, wirtschaftlicher und sozialer Themen. Das ist auch im ver.di-Mitgliedernetz so. Ein sehr konstruktiver Diskurs findet dort zum Beispiel anlässlich der ver.di-Grundsatzerklärung statt, die 2009 in der Organisation und auch über das Mitgliedernetz zur Diskussion gestellt wird. Über 100 Kommentare mit Änderungsvorschlägen, die zum Teil Eingang in die 2010 vom Gewerkschaftsrat verabschiedete Fassung finden, werden abgegeben. Viele nicht in ver.di-Gremien aktive Mitglieder melden sich zu Wort, die ihre Organisation mitgestalten wollen, ohne selbst in Gremienarbeit involviert sein zu müssen. Seit 2011 tauschen Benutzer_innen sich in mittlerweile über 20 offenen Foren aus, wobei einige Foren von fachlich zuständigen hauptamtlichen Kolleginnen und Kollegen betreut werden. In über 1.900 Beiträgen bis Mitte Juli 2011 diskutieren die Mitglieder nun Tarifrunden, aktuelle gewerkschaftliche, politische und andere gesellschaftliche Fragen.

    Mach’s zu Deinem Netz – das ver.di-Mitgliedernetz

    Im Herbst 2007 fassen die Delegierten des ver.di-Bundeskongresses mehrere Beschlüsse, die auf der Idee eines Mitgliedernetzes aufbauen. Für die Konzeption sind zunächst die Internet- und Intranet-Redaktionen zuständig, später dann eine eigens etablierte Mitgliedernetz-Redaktion. Das Konzept basiert vorerst auf drei Säulen. Es soll “informativ” sein mit redaktionellen Inputs, die kommentiert und diskutiert werden, “interaktiv” mit moderierten wie auch offenen Foren und Chat-Funktion, “individuell” durch vernetzbare Benutzerkonten. Zu “Hits” entwickeln sich die Seiten «Betrieb und Arbeitsplatz» und «Betriebliche Gewerkschaftsarbeit», auf denen Mitglieder Probleme und Fragen, zum Beispiel zu ihrer Arbeitssituation oder dazu, wie ein Betriebsrat gegründet wird, einbringen. In der Regel werden solche Beiträge von anderen Mitgliedern beantwortet. Ein Stamm von Aktiven fühlt sich für die Unterstützung von Mitgliedern verantwortlich, die nicht selten einziges Gewerkschaftsmitglied im Betrieb und in der Regel nicht in gewerkschaftlichen Strukturen eingebunden sind. Die Mitglieder erwarten von den Hauptamtlichen nicht, dass diese auf jeden Beitrag im Mitgliedernetz antworten, im Gegenteil. Sie betrachten es als ihr Netz – aber es wird erwartet, dass Verantwortliche in gewerkschaftspolitischen Diskussionen, etwa in Tarifrunden oder zu bestimmten ver.di-Positionen, Stellung beziehen. Wenn das nicht geschieht, stößt dies auf Kritik der User_innen. Denn genau darin liegt ein wesentlicher Mehrwert des Mitgliedernetzes, dass intern ein offener Austausch zwischen allen Ebenen der Organisation stattfinden kann. Das Mitgliedernetz verdichtet organisationsinterne Kommunikation und stärkt damit die Bindung und Identifikation der Mitglieder mit ver.di. «In diesem Netzwerk habe ich inzwischen ganz viele Menschen kennengelernt, denen ich wahrscheinlich ohne das hier nie begegnet wäre, sehr viele Anregungen bekommen, sehr viele Meinungen gelesen und sehr viele tolle Gespräche geführt. Auf einen Punkt gebracht: Ich fühle mich hier sehr wohl und bin mit meinen Fragen und Anliegen am richtigen Ort. 
Das Mitgliedernetz wird uns alle in ver.di näher zusammen bringen und das ist das wirklich Schöne daran», postet etwa eine Kollegin auf der Plattform.

    Die Mitglieder können sich mit ihrem richtigen Namen oder einem Fantasienamen im Netz zeigen. Knapp die Hälfte gibt den Klarnamen und weitere Profildaten, zum Beispiel Fachbereich, Betrieb, Funktionen an und stellt ein Profilbild ein. Die Erfahrung zeigt, dass diejenigen, die im Netz aktiv sind und viel diskutieren, in der Regel nicht anonym sein wollen. Das erleichtert auch das Kontakte knüpfen. Jedes Freischalten neuer Funktionen bringt einen Schwung neuer Registrierungen auf der Plattform. Aktuell wird an neuen Tools gearbeitet, die das Nutzungserlebnis komfortabler machen sollen. Die in der Organisation vielfach geforderten Gruppenfunktionen für Gremien oder Interessengruppen sollen 2012 umgesetzt werden, eigene Pinnwände, Dateiablage, Nachrichtenfunktionen, Terminkalender etc. inklusive. Welche weiteren Ausbaustufen darauf folgen, wird sicherlich auch von den Diskussionen auf der Plattform selbst mitbestimmt werden.

    Die eigenen Netzwerk-Plattformen für Mitglieder wirken sich auf den internen Vernetzungsgrad großer Organisationen und damit auf Stabilität und Organisationskraft aus. Sie stärken vor allem Beziehungen zwischen ansonsten weniger vernetzten Mitgliedern, jenen, die nicht in größeren Betrieben, Gremien oder anderen Gruppen tätig sind. Sie stärken darüber hinaus die Verbindungen und Informationsflüsse quer zu Branchen und über lokale bis maximal regionale Zentren hinaus. Der höhere Vernetzungsgrad wirkt nicht zuletzt fragmentierenden Entwicklungen der Arbeitswelt entgegen und unterstützt vor allem jene Mitglieder, die in ausgesetzten Arbeitsfeldern ohne viele Kontaktmöglichkeiten arbeiten, in Zeit- oder Schichtarbeit, als Springer_innen oder in kleinen Betriebseinheiten.

    Plattformen als Gegenöffentlichkeit und Bausteine für Gegenmacht

    In den frühen 1970er-Jahren soll die “Gewerkschaftspresse” das leisten, was mittlerweile via social networking-Plattformen immer öfter selbstorganisiert passiert, nämlich Auseinandersetzung fördern und Handlungsfähigkeit stärken. Das ausgesprochene Ziel lautet vor 30 Jahren eine eigene und verdichtete Gegenöffentlichkeit, und zwar zur «innergewerkschaftlichen Kommunikation, Diskussion, Willens- und Entscheidungsbildung» aufzubauen. Leisten soll das vor allem die «Gewerkschaftspresse als Teil der innergewerkschaftlichen Kommunikationsstruktur, deren Aufgabe es ist, Erfahrungen und Interessen von Lohnabhängigen zu verallgemeinern, und so die Grundlage für solidarisches organisiertes Handeln zu legen.» Das Konzept identifiziert drei gleichrangige und gleichermaßen wichtige Kommunikationsstränge und -richtungen, und zwar den Informationsfluss von der Gewerkschaftsführung zur Basis, jenen von den Mitgliedern zur Gewerkschaftsführung und schließlich die Kommunikation zwischen den Mitgliedern. Die «Untersuchungen zur Funktion gewerkschaftlicher Publikationen in Arbeitskonflikten» (1977) zeigen freilich das Scheitern dieses Ansatzes und identifizieren die Gewerkschaftspresse als Organ der Gewerkschaftsführung, das dazu gebraucht wird, Mitglieder auf Linie zu bringen.
    Der deklariert “statische” Befund damals: «Die in 30 Jahren westdeutscher Gewerkschaftsgeschichte herausgebildeten internen Kommunikationsstrukturen sind zentralistisch und passivierend, nicht basisdemokratisch und aktivierend aufgebaut.»

    Die Dynamiken, die zu solchen Ergebnissen führen, sind in etablierten Organisationen strukturlogisch angelegt und werden immer wieder auch unter der Überschrift “Zivilgesellschaft versus Grassroots” diskutiert. Sie betreffen die kleinste NGO prinzipiell genauso, fügen sich in älteren und größeren Organisationen nur fester und professionalisierter zusammen. Aktivierende Netzwerkstrukturen zwischen den vielen “Grassroots”-Mitgliedern wirken demgegenüber der Dominanz der professionellen Strukturen entgegen. Für demokratische Organisationen ist das nicht nur wichtig, um demokratische Organisationen zu bleiben. Die lebendige, sich untereinander austauschende und selbst aktive “Basis”, wie diese Netzwerke und Gruppen dann in Summe heißen, ist die große Chance für den Gesamtapparat auf laufende Selbstevaluierung, -erneuerung und -infusion mit Ideen, Problemlösungsansätzen und Kompetenzen. Die sozialen Netzwerke auf internetbasierten Plattformen sind da nur eine Dimension organisationsinterner Netzwerkstrukturen, potenziell aber eine besonders basisdemokratische, partizipative und selbstorganisierte. In diese Richtung sollten die Mitgliedernetze denn auch unterstützend wirken, wenn die Gewerkschaftsbewegung neben dem Gewerkschaftsapparat gestärkt werden soll.

    Wie wichtig mehrere existierende Vernetzungssysteme innerhalb großer Organisationen sind, das ist zum Beispiel an den Auswirkungen des elektronischen Zahlungsverkehrs für Mitgliedsbeiträge zu sehen. Bis in die frühen 1990er-Jahre bewegen sich physische Personen im “Real Life” von (Partei-)Mitglied zu (Partei-)Mitglied, um Mitgliedsbeiträge einzuholen und sich mit Stempelmarken in einem Parteibuch zu bedanken. Heute gibt es diesen schwerfälligen und anstrengenden Ablauf nicht mehr, automatische Abbuchungsaufträge oder Einzugsermächtigungen nehmen diese Bürde ab. Was damit allerdings auch verschwunden ist, sind die qualitativ höherwertigen und verbindlicheren Kontakte und Beziehungsnetzwerke, die sich bis in entfernte Regionen von Mitgliedern zu Mitgliedern gespannt haben.

    Offene Schnittstellen und Plattformen

    Bereits 2003/04 bringt die österreichische Gewerkschaftsjugend Steiermark eine damals einzigartige Website online. Das Rohkonzept sieht eine Plattform für Jugendliche vor, mit Foren, eigenem gratis E-Mail-Account, Info-Seiten und Chat-Möglichkeit. Sie startet unter dem Titel «ameisen.cc – zusammenfinden zusammenbauen» und ist eine Community für Jugendliche, der sich noch im ersten Jahr mehr als 150.000 User_innen anschließen. Die Plattform ist offen, sie ist nicht ausschließlich Mitgliedern vorbehalten und sie ist noch heute online. Das offene Konzept mit einer gewerkschaftlichen Unterorganisation als Gastgeberin bringt also viele Nutzer_innen auf eine Plattform, die einerseits Selbstorganisation nicht nur zulässt, sondern verlangt, und andererseits natürlich einen anderen Fokus, eine andere Kultur als beispielsweise Facebook oder gar Xing oder erst recht eine der Netzwerk-Plattformen der Reichen, Schönen und Wichtigen haben. Offene Schnittstellen und Schnittmengen bringen einen weiteren Austausch auch mit Nicht-Mitgliedern.

    Denkbar sind neben offenen und geschlossenen Plattformen auch solche, die perforierbar sowohl aus offenen als auch geschützten Bereichen bestehen und dazwischen Abstufungen mehr oder weniger geschützter Bereiche zulassen. Für die Architektur unserer physischen Welten, unserer Gebäude und Städte, sind diese Abstufungen eminent wichtig. Gebäude gehen im Idealfall nie abrupt von einem nur öffentlichen und öffentlich ausgesetzten Bereich in einen privaten Raum über. Die Grenze zwischen privat und öffentlich ist bei guter Stadtplanung und Architektur perforiert und bietet sogenannte Transmissionsräume, halböffentlich und halbprivat. Wir kennen diese Räume, die Stiegenhäuser, Foyers, Gastwirtschaften und Kaffeehäuser, Museen und Bahnhofshallen etc., und wir wissen um ihre Bedeutung. Eine Vision für die Mitglieder-Plattformen der Gewerkschaften liegt darin, solche Transmissionsräume und Übergangszonen bis hin zu ganz offenen Bereichen zu schaffen. Damit ließe sich ein Anti-Facebook bauen. Facebook ist schließlich auch eine weitgehend geschlossene Plattform, aber mit vielen Transmissionsräumen bis hin zu geschlossenen Gruppen, aber offenen Datenschutzproblemen.

    Die Vorstellung einer geschützten lebendigen Social Media-Plattform der Gewerkschaftsmitglieder mit abgestuften Zugängen für andere Gruppen und einem laufenden Strom an geschäftiger Betriebsamkeit, die sich aus dieser Plattform in andere Netzwerke im Web ergießt, ist zumindest sehr reizvoll. Das eigene Benutzerkonto im EXTRANET oder im Mitgliedernetz könnte beispielsweise per Open-ID mit dem eigenen Facebook-Konto verknüpft werden und ausgesuchte Informationen könnten direkt aus der Mitglieder-Plattform auf die Pinnwände anderer Plattformen gepostet werden. Gewerkschaftlicher Content würde sich über unzählige Netzwerkverbindungen verbreiten.

    Plattformen zum Andocken, Content zum Abholen

    Inmitten eines durchgreifenden Medienwandels müssen sich alle – und das heißt auch die großen stabilen Organisationen – der allgemein sich ändernden Mediennutzung anpassen, um sowohl ihre Mitglieder als auch potenzielle Interessent_innen über neue Kommunikations- und Informationskanäle zu erreichen. Die Verkehrs- und Dienstleistungsgewerkschaft «vida» ist diesen Schritt für eine ihrer Zielgruppen sehr erfolgreich gegangen. Seit Juni 2009 erscheint alle sechs bis acht Wochen eine neue Folge des «vida Podcasts». Der Podcast wird ohne externe Unterstützung durch Agenturen komplett von der vida-Öffentlichkeitsarbeit selbst produziert. Authentizität geht vor technische Perfektion, wie sie ein Tonstudio bieten würde. Nur für die “Nullnummer” ist professionelle Hilfe in Anspruch genommen worden, die Gestalter_innen werden in redaktionelles Arbeiten, Schnitttechnik und professionelles Sprechen eingeschult. Sonst fallen nur Kosten für zwei Aufnahmegeräte an. Die Arbeitszeit für die einzelnen Folgen lässt sich allerdings nicht realistisch in Zahlen fassen, die Inhalte werden meistens crossmedial auch für das vida-Mitgliedermagazin und die Homepage aufbereitet. Weder für Aufnahme noch für Schnitt fallen Kosten an, beides erfolgt ohne Studio direkt am PC. Die Software dafür ist gratis. Die Aufnahmen erfolgen über ein eigenes Gerät, für Schnitt und Nachbearbeitung wird ebenfalls Freie Software verwendet.

    Nach einem Jahr hatte der vida-Podcast 2.500 Stammhörer_innen, die ihn per Abo beziehen, heute steht er bei fast 12.000 Abonnent_innen. Das Service ist ideal für die Mitglieder der vida mit durchwegs unterschiedlichen Dienstzeiten und mobilen Dienstorten. Für die Lokführer_innen, die an ihrem Arbeitsplatz an der Zugspitze keinen Internetanschluss haben, gibt es zusätzlich «vida voice», ein reziprokes Kommunikationssystem aus Podcasts für das Mobiltelefon mit SMS-Rückkopplung, um schnelle Abstimmungen durchführen zu können. Hier wird Content also ideal für die Verbreitung aufbereitet, ist zwar immer auch noch via Homepage abrufbar, lädt sich aber eigentlich viel angenehmer selbst in den mp3-Player, das Mobiltelefon oder den iPod und damit in die Kopfhörer.

    Der preisgekrönte «vida Podcast – Gewerkschaft zum Anhören»IG Metall-Vorsitzender Berthold Huber via YouTube kommunizierend.Die Fülle gewerkschaftlicher Zeitschriften ist deutlich größer, als außerhalb der Gewerkschaften bekannt ist.

    CONTENT AUS DER GEWERKSCHAFTSBEWEGUNG
    ➊ Die österreichische Verkehrs- und Dienstleistungsgewerkschaft vida betreibt das Service eines Podcasts, “Gewerkschaft zum Anhören”, ideal für Bedienstete etwa der Eisenbahnen. 2010 wurde der Podcast mit dem nationalen «European Podcast Award» ausgezeichnet, 2011 hat er bereits rund 12.000 Abonnent_innen.
    ➋ Berthold Huber, der Vorsitzende der IG Metall, sagt, «Ich habe den Eindruck, alle wollen weitermachen wie vor der Krise. Ich glaube das wird nicht gehen. Ich bin überzeugt, dass wir weder ökonomisch noch sozial noch demokratiepolitisch so weitermachen dürfen.» und lädt als Gastgeber des «Kurswechel Blogs» via YouTube zur Kurswechsel-Debatte ein.
    ➌ Viele gewerkschaftliche Zeitschriften sind online verfügbar. Während sie als Mitgliederzeitungen Zehn- und teilweise Hundertausende Mitglieder erreichen, stehen sie online aber oft nur als PDFs zum Download zur Verfügung.

    Mehr als nur einen YouTube-Channel bespielt die Gewerkschaft der Post- und Fernmeldebediensteten (GPF). Sie gestaltet eine eigene TV-Sendung, die «Arbeitswelten» im freien Community-Fernsehsender Okto-TV. Das Magazin berichtet über Veränderungen am Arbeitsmarkt und besteht aus Interviews oder auch Reportagen von Demonstrationen etc. Damit kommt gewerkschaftlicher Content per Fernseher bis ins berühmt-berüchtigte Wohnzimmer. Zu sehen sind die Sendungen auch als Stream online und im Archiv der alten Beiträge; allerdings nicht auf der größten Plattform, nämlich YouTube.

    Ein ähnliches und auch wieder ganz anderes und jedenfalls bemerkenswertes Konzept wird in Deutschland mit «STREIK.TV» von ver.di umgesetzt. STREIK.TV sind zum einen TV-Sendungen zu gewerkschaftsrelevanten Themen mit regelmäßigen Wochenüberblicken und mehreren thematischen Kanälen. Zum anderen handelt es sich aber auch eine eigene Plattform mit vielen Möglichkeiten für Interaktion. Die Sendungen können abonniert, bewertet, heruntergeladen, als Favoriten gespeichert und in andere Websites eingebettet werden, sind also wie der Podcast von vida sehr gut zur viralen Weiterverbreitung aufbereitet. Die Plattform bietet einen Newsletter, besondere Aussendungen können zudem über Twitter verfolgt werden und einen eigenen YouTube-Kanal gibt es auch. Das offene Angebot mit einfach herunterzuladenden Sendungen führt außerdem dazu, dass STREIK.TV-Videos auf YouTube und auch in vielen anderen Kanälen auftauchen und von Benutzer_innen hochgeladen werden, denen diese Sendungen wichtig sind. Auf der STREIK.TV-Plattform selbst hat sich mittlerweile ein wertvolles Archiv angesammelt, das vollständig abrufbar und gut sortiert, kategorisiert und damit übersichtlich durchsuchbar ist. Die einzelnen Sendungen berichten regelmäßig von bemerkenswerten Vorfällen, Aktionen und Hintergründen. Die Plattform ist dadurch in Summe ein Leuchtturm gewerkschaftlicher Gegenöffentlichkeit. Hinzu kommt die wertvolle redaktionelle Arbeit, zu jeder Sendung und jedem Video eine umfangreiche Übersicht weiterführender Links zu bieten.

    Kurswechsel zu einer lebendigeren Debatte?

    In den Gewerkschaften, von den Hauptamtlichen und von den Mitgliedern, wird laufend gesellschaftlich relevantes Wissen produziert: bei der Arbeit in den Betrieben, in der Rechtsberatung, in der Bildungsarbeit, bei der Begutachtung von Gesetzesentwürfen. Gewerkschaftliche Wissenswelten reichen von den Studien der Hans-Böckler-Stiftung über die vielen Publikationen der Gewerkschaftspresse bis hin zur Arbeitnehmer-Blogosphäre. Noch ist es ein sehr kleiner Anteil dieses reichen Wissenspools, der für die Verbreitung als Content im Netz webgerecht aufbereitet wird. Viele Journalist_innen, Sozialwissenschafter_innen und in der Gewerkschaft Aktive produzieren ausgezeichnete Texte und Analysen ausschließlich für ihre gewerkschaftlichen Publikationen oder als Unterlagen für die Arbeit in gewerkschaftlichen Gremien.

    Die Mitgliederzeitschriften haben hohe Auflagen und treue Leser_innen, bleiben aber auf die Reichweite und das Spektrum der Mitglieder und deren Familien beschränkt. So ist es manchmal bedauerlich, dass Debattenbeiträge, die so in Qualitätsmedien kaum zu finden sind, sich nicht im Netz verbreiten und dort weitere Diskussionen anstoßen können. Dadurch verzichten die Autor_innen selbst und die Gewerkschaften zudem auf Feedback von anderen Gruppen abseits der eigenen Organisation. Dieses Feedback brauchen Gewerkschaften aber, und sie suchen es, auch online. In diese Richtung geht auch die Initiative, das Buch und das Blog «Kurswechsel» der IG Metall. Das «Kurswechsel Blog» ist für ein Jahr vom Frühjahr 2010 bis 2011 eine Einladung, online aktiv an Debatten teilzunehmen. Das vom Vorsitzenden der IG Metall herausgegebene Buch ist online lesbar, das Blog versammelt Diskussionsbeiträge mehrerer Personen auch außerhalb der IG Metall-Zugehörigkeit. Die gewünschte lebendige Debatte online bleibt aber noch aus. Es gibt keine Facebook-Seite als Diskussionforum, das für viele Menschen, die hier angesprochen werden sollen und von der Debatte auch sicher angesprochen würden, näher liegen würde und die Sichtbarkeit des Blogs erhöht hätte. Es gibt den Twitter-Account nicht, der mit den Mulitplikator_innen in Gespräche verwickelt hätte, die ähnliche Diskussionen online schon länger führen. Und die Einladung zur Diskussion kommt vielleicht auch zu einem falschen Zeitpunkt, zu überraschend und bevor die IG Metall sich an den Gesprächen, die es online schließlich überall schon gibt, beteiligt hat.

    Die Gewerkschaften führen überall in der Gesellschaft lebendige Debatten, sie sind in der Zivilgesellschaft vernetzt, wirken bei Kampagnen mit – im kleinen Rahmen bis hin zu den transnationalen großen Zusammenhängen –, ihre Mitglieder sind in den sozialen Bewegungen aktiv und sie haben das Arbeitsfeld, soziale Gerechtigkeit, das uns alle betrifft und am Herzen liegt. Was für das sogenannte “Real Life” gilt, gilt noch nicht in dem Ausmaß für die virtuellen Arenen der Diskurse, die Blogosphäre. Dabei haben die Gewerkschaften den Content, der auch vielen Menschen außerhalb der Organisationen wichtig ist – Inhalte, Informationen und Know-how. Dass diese Inhalte als webgerechter Content bislang nur zu geringeren Maßen und halbherzig in das Netz eingespeist werden, das hat nicht zuletzt mit den etablierten und funktionierenden Kanälen dieser größten Mitgliederorganisationen zu tun. Die Gewerkschaftsorganisationen erreichen bereits sehr viele Menschen, arbeiten mit vielen Menschen zusammen, führen viele Gespräche mit vielen Menschen. Unter den Vorzeichen einer Vision, auch im Netz als Organisationen mit vielen über vieles Gespräche zu führen, müssten die Gewerkschaften sich der Netzkultur, dem Web 2.0 und den Social Media freilich noch mehr öffnen, müssten viel mehr Projekte wie die oben angesprochenen Podcasts, Web-TV-Kanäle, «Kurswechsel Blogs» und die im Hungerlohnpartei-Beitrag genannten Aktionen und WatchBlogs angehen und weiterlernen. Denkbar ist vieles!

    Stellen wir uns zum Beispiel einmal vor, dass alle Zeitungen der Gewerkschaftspresse interaktive Webauftritte hätten, und dass die vielen wertvollen Artikel und Analysen als Blogposts kommentier-, abonnier- und “sharebar” wären. Stellen wir uns weiter vor, dass die Feeds zu diesen Gewerkschaftspresse-Blogs von Magazinen wie der «Arbeit&Wirtschaft», des «express. Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit» oder des «Böckler impuls» auf einer übersichtlichen gemeinsamen Plattform aggregiert würden. Stellen wir uns vor, diese Plattform würde von den Gewerkschaften kollaborativ betrieben, ließe das Anlegen von Benutzerprofilen, Verwalten von Lesezeichen, Diskutieren und Weiterleiten in andere Social Media-Plattformen zu und hätte einen Bereich für Gastblogbeiträge.

    Oder stellen wir uns vor, dass die Gewerkschaftsorganisationen eigene Pads entwickeln und ihren Funktionären zur Verfügung stellen – Tablet-Computer mit vorinstallierten Angeboten wie zum Beispiel die Datenbanken zu allen gewerkschaftlichen Publikationen, Tarif- bzw. Kollektivverträgen, Rechtsinformation etc. Stellen wir uns weiter vor, dass möglicherweise alle Mitglieder diese Gewerkschaftstablets bekommen können, und die Zugänge zu den Mitgliedernetzen hier vorinstalliert sind ebenso wie Videokonferenz-Systeme und Kontaktadressbücher speziell für die Vertretungsarbeit in den Betrieben. Denkbar ist wie gesagt vieles. An den konkreten Visionen müssen wir bauen. Zumindest einige davon sollten sich auch umsetzen lassen.

    Zusammenfassung

    Gewerkschaften und Social Media würden gut zusammenpassen, haben aber bisher noch nicht in einer Weise zusammengefunden, die von einer “Erfolgsgeschichte” berichten ließe. Ein Grund ist sicher, dass Gewerkschaften als mittlerweile große traditionelle Organisationen mit einer breiten Mitgliederbasis bereits erfolgreich gewachsene soziale bzw. politische Bewegungen sind. Als solche haben sie schon vor Web 2.0 begonnen, selbstständig elektronische Netzwerke für die Mitgliederverwaltung in Datenbanken und innerorganisatorische Kommunikation aufzubauen sowie Medienkanäle für Informations- und Öffentlichkeitsarbeit zu nutzen, auch online. So fortschrittlich diese auch gewesen sein mögen, im Vergleich zu nunmehrigen Social Media-Dynamiken wirken sie mittlerweile vielfach ineffizient und veraltet. Um diese Dynamik zu übernehmen, ist die Ermöglichung von Austausch durch die Schaffung offener Schnittstellen und die Bereitstellung einer Infrastruktur erforderlich, die zu Vernetzung, Teilnahme und Kommunikation anregt.
    Themen und Inhalte dafür haben die Gewerkschaften als politische Organisationen schon längst in Form von Positionen und Forderungen, die auf Analysen und Expertisen zurückgehen – die Vision einer Gewerkschaft 2.0 hält eine Reihe von Möglichkeiten bereit, diese über interne und öffentliche Diskurse zu verbreiten sowie für Organisierung, Mobilisierung und Kampagnisierung zu nutzen.

    • Gewerkschaftseigene Medienkompetenz strategisch erweitern: Auseinandersetzung mit den Entwicklungen um Social Media und Identifikation von spezifischen Einsatzbereichen für gewerkschaftliche Arbeit.
    • Auf gewerkschaftliche Zielgruppen in sozialen Netzwerken zugehen: Schnittstellen von eigenen Mitgliedernetzwerken zu externen Plattformen aufbauen, um dort vertretenen Mitgliedern die Kommunikation über Netzwerkgrenzen hinweg zu ermöglichen.
    • Beteiligungscharakter von Social Media für gewerkschaftliche Arbeit nutzen: Anknüpfungspunkte schaffen, um sowohl Mitglieder als auch Nicht-Mitglieder in Diskussionen und Mobilisierungsprozesse miteinzubeziehen.
    • Gewerkschaftliche Inhalte sichtbar machen: Bewusstsein für eigenes Know How und Wissen (“Content”) schaffen und Möglichkeiten ihrer dezentralen Verbreitung unterstützen.
    • Gewerkschaftsinterne Arbeitsprozesse verbessern: Plattformen und Social Software für das eigene Wissensmanagement und die Zusammenarbeit in der Organisation nutzen.
    • Die Online-Welt mitgestalten: Möglichkeiten erarbeiten, die Webpräsenz der Gewerkschaften und ihrer Mitglieder selbst bzw. nach eigenen Kriterien mitzubestimmen.