Autonomie Dialog Diskurs Feminismus Gegenöffentlichkeit Mediensystem Partizipation Vernetzung

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  • Jenseits von Mainstream und Nische

    Das Internet als Plattform für politische Vermittlungsarbeit

    «Ein Mensch, der etwas Neues zu sagen hat – denn die Gemeinplätze bedürfen keiner Aufmerksamkeit – kann zuerst nur bei denen Gehör finden, die ihn lieben.»
    Simone Weil

    Die eigenen Ideen so zuspitzen, dass sie in den Mainstream-Diskurs passen oder aber in kleinen Zirkeln von Gleichgesinnten unter sich bleiben? Diese schlechte Alternative gehört der Vergangenheit an. Soziale Netzwerke und Blogs ermöglichen Diskussionen und Reichweiten, die die überkommenen Zugangsbeschränkungen zur “öffentlichen Meinung” unterwandern. Es kommt aber darauf an, sie auch zu nutzen.

    Jedenfalls nicht nach den Regeln der Leitmedien

    Einmal wäre ich fast in eine Fernseh-Talkshow eingeladen worden. Eine Frau vom Redaktionsbüro rief an, ich sei ihr empfohlen worden. Das Thema sollte «Pornografie» sein. Ich als Feministin sei doch bestimmt dagegen? So pauschal könne ich das nicht sagen, erwiderte ich, es sei ja ein komplexes Thema. Ach wie schade, bedauerte die Redakteurin, dann käme ich leider nicht in Frage. Man wünsche sich eine «pointierte Position». Ob ich nicht vielleicht jemanden wüsste?

    Das Beispiel zeigt gut, warum es so schwierig ist, dissidente Themen über die klassischen Medien einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln. Entweder kommt man dort gar nicht zu Wort – oder aber die eigenen Positionen werden auf eine Weise zugespitzt, die letztlich kontraproduktiv ist. So oder so ist der Mainstream der Maßstab. Eigentlich blieben vor dem Internet nur zwei Optionen: Entweder man passte sich an und übernahm die Rolle der “pointierten Gegenposition” – wie es Alice Schwarzer in Deutschland für den Feminismus tat. Oder man gründete eigene Nischen-Medien, etwa Zeitungen mit Kleinstauflagen, in denen die eigenen Themen und Positionen differenziert und auch kontrovers diskutiert werden konnten – allerdings um den Preis, dabei mehr oder weniger unter sich zu bleiben.

    Internet und Social Media: breite Öffentlichkeit für alle?!

    Mit dem Internet und speziell mit den sozialen Netzwerken, die sich im Internet organisieren, ist diese Zweispaltung, wenigstens im Prinzip, überwunden. Dissidente Inhalte müssen nicht mehr den “Mainstream-Test” bestehen, bevor sie publiziert werden können. Sie sind, ohne den Filter traditioneller Redaktionen durchlaufen zu müssen, weltweit öffentlich, also zugänglich für alle, die sich dafür interessieren. Welche Folgen das langfristig für die politische Kultur hat, ist noch nicht abzusehen. Wir befinden uns diesbezüglich noch im Stadium des Experimentierens. In diesem Beitrag möchte ich einige Erfahrungen aus meiner Praxis als Bloggerin (seit 2006) sowie bei Facebook und Twitter (seit Anfang 2009) beisteuern.

    Die diskursiven Orte “Nische” und “Mainstream” sind im Internet natürlich nicht einfach so aufgehoben. Auch hier reproduzieren sich konventionelle Hierarchien: Dass ein feministischer Text im Internet steht, bedeutet ja noch nicht, dass er auch gelesen wird – oder zumindest nicht von vielen. Auch im Netz haben Mainstream-Medien höhere Zugriffszahlen und wird der Brigitte-Blog öfter angeklickt als der eines unabhängigen feministischen Forums.

    Doch der wesentliche Unterschied ist, dass jetzt ein direkter Austausch zwischen Nische und Mainstream möglich ist, und zwar im selben Medium. Die Spalte für Leser_innenbriefe, früher die einzige Option, um auf falsche Berichterstattung, fehlende Perspektiven oder einseitige Einflussnahme aufmerksam zu machen, ist im Internet nicht mehr nur ein Randphänomen, sondern die logische Grundlage des Mediums selbst. Ob es um kleine Blogs geht, um die Bewertungen von Kund_innen auf großen Plattformen, um Kommentare oder um Links bei Facebook oder Retweets bei Twitter: Ein Link ist ein Link, ob er nun zu einem Artikel auf Spiegel-online führt oder zu einem Blogeintrag. Das Internet gewährleistet es erstmals, dass man einer Quelle nicht auf den ersten Blick ansieht, ob sie Nische oder Mainstream ist. Der Weg – der Klick auf den Link – ist exakt derselbe. Wir bewegen uns alle im selben Umfeld.

    Neue, andere, basisdemokratische Relevanzkriterien

    Die Frage nach der Relevanz eines Themas, eines Beitrags verlagert sich dadurch: Zuständig für ihre Beantwortung sind nicht mehr die Redaktionen der großen Leitmedien, sondern die vielen, die mit ihren Reaktionen, Kommentaren und Empfehlungen ein Thema relevant machen. Und es zeigt sich, dass sich die rein quantitativen Relevanzkategorien der “Vor-Internet-Zeit” (Auflagenhöhe, Einschaltquote etc.) überholt haben. Ein Blogpost, der zwei Leute zum Umdenken bringt, hat mehr politischen Einfluss und ist also relevanter als einer, der zweitausend Leute in ihrer Meinung bestätigt. Auch wenn er vermutlich deutlich seltener angeklickt wird.

    Ein leicht einsichtiger Vorteil der sozialen Netzwerke ist die Möglichkeit, sich mit Leuten zu vernetzen, die an ähnlichen Themen interessiert sind. Auch wer offline gut vernetzt und informiert ist, wird im Internet noch viele andere, ähnlich interessierte Menschen finden. Und da es mit den Tools leichter ist, Kontakte zu pflegen, zerfließt die Grenze zwischen “uns” und “den anderen“ tendenziell. Die relative Unverbindlichkeit von Social Media-Kontakten (im Vergleich zu klassischen politischen Gruppen) hat meinen Horizont und meine Reichweite erheblich erweitert. Ich bin inzwischen in Kontakt mit einem sehr viel breiteren Spektrum an feministischen Strömungen als vorher.

    Bevor ich Facebook und Twitter nutzte, informierte ich mich so: Ich bekam Tipps von den politischen Freund_innen, mit denen ich in Diskussionsgruppen oder in Mailinglisten Kontakt hatte, ich las die einschlägigen Fachzeitschriften, und manchmal googelte ich noch oder hörte zufällig etwas. Es ist offensichtlich, dass hier die Wahrscheinlichkeit groß war, etwas Relevantes oder Interessantes zu verpassen – zumal dann, wenn es sich außerhalb meines engeren “Dunstkreises” abspielte.

    Mädchenmannschaften, Bloggermädchen und Piratenweiber

    Es gibt viele bloggende Frauen (zu allen möglichen Themen), ebenso wie zahlreiche Blogs, die sich speziell mit feministischen Fragestellungen beschäftigen, und in denen nicht nur Frauen sondern auch Männer schreiben. Zu einem zentralen Portal hat sich die Seite Mädchenmannschaft entwickelt, die aus dem 2008 erschienenen Buch «Wir Alphamädchen» hervorgegangen ist, für die aber inzwischen eine ganze Reihe von Autorinnen und einige Autoren schreiben. Mit mehreren neuen Artikeln am Tag, aktuellen Berichten und Kommentaren und vor allem einer breiten Palette von vertretenen Positionen hat es der Blog inzwischen auch in die Rankings diverser Blogcharts geschafft. Wer auf der Suche nach interessanten Adressen aus der feministischen Blogosphäre ist, findet hier den idealen Ausgangspunkt, zum Beispiel in der ausführlichen Linkliste, oder bei den Vorschlägen, Nominierungen und Gewinnerinnen der 2009 zum ersten Mal veranstalteten Wahl einer «Bloggerin des Jahres».

    Interessante Blogs kann man auch bei GIRLS CAN BLOG finden, wo Annina Luzie Schmid regelmäßig Interviews mit Bloggerinnen über ihre Motivation zu Publizieren, über ihre Themen und ihre Erfahrungen veröffentlicht. Ein eher philosophisch und politisch ausgerichtetes Forum zu Ideen und Debatten mit feministischem Hintergrund ist schließlich «beziehungsweise-weiterdenken», hinter dem ein Redaktionskollektiv steht und bei dem ich selbst mitschreibe.

    Das Redaktionsbüro meines Vertrauens

    Wenn ich mir heute die richtigen Kontakte zulege, kann ich ziemlich sicher sein, dass jede interessante neue Entwicklung automatisch in meine Timeline gespült wird (wer im Internet nur “Schrott” findet, ist selbst dran schuld!). Und dieser Informationsfluss wird auch noch aggregiert: Je häufiger etwas erwähnt wird, für desto wichtiger scheint es meine selbst zusammengestellte Referenzgruppe zu halten. So gesehen sind Timelines, also etwa die bei Twitter abonnierten Feeds, eine Art persönliches Fachjournal: Relevant ist für mich, was mir von – bestimmten – Menschen empfohlen wird.

    Wobei dieses Prinzip im Bezug auf den Feminismus leider bislang nur mit Einschränkungen funktioniert. Denn viele Feminist_innen nutzen das Internet noch eher konservativ: zum Recherchieren und Mailen, vielleicht haben sie den einen oder anderen Newsletter abonniert. Aber nur eine Minderheit von ihnen bloggt oder ist in sozialen Netzwerken aktiv. Ihre Expertise fehlt dort natürlich.

    Trotz der durchaus beachtlichen Präsenz bloggender Frauen – die meiner Ansicht nach größer ist, als es die notorischen Klagen über die Abwesenheit von Frauen aus der “Netzkultur” vermuten lassen – wüsste ich aus dem Stand noch viele kluge Denkerinnen und Aktivistinnen, die in meiner Timeline schmerzlich fehlen, weil sie bisher nichts oder nur selten etwas «ins Internet schreiben». Aber wer im Internet nicht präsent ist, kann dort auch die Diskussionen und die Gesprächskultur nicht beeinflussen oder eigene Ansichten beisteuern. Viele “Offliner_innen” unterschätzen dieses Potential enorm. Es ist ihnen nicht bewusst, dass sie sich damit aus einem größer werdenden Debattenkontext selbst ausschließen. Immer noch bekomme ich zum Beispiel Hinweise auf Veranstaltungen oder interessante Texte als E-Mail mit pdf-Anhang. Damit kann ich aber nichts anfangen. Ich kann diese Mail natürlich per Hand an ausgewählte Zielgruppen weiterleiten – aber über den Kreis der einschlägig Verdächtigen kommt das eben nicht hinaus. Um eine Information im Netz zirkulieren zu lassen (und es gibt eine größere Gruppe von Menschen, die sich ausschließlich über das Internet informiert), braucht sie einen Link. Nur mit Link ist sie “retweetbar” und damit überhaupt in diesem Kontext existent.

    Das Spiel mit dem Informationsfluss

    Natürlich muss man auch tatsächlich wollen, dass die eigenen Ideen über den Kreis der “üblichen Verdächtigen” hinaus zirkulieren. Damit setzt man sich ja auch Kritik aus. Menschen, die mir aus welchen Gründen auch immer auf Twitter folgen, bekommen schließlich regelmäßig meinen feministischen Senf zu allem Möglichen zu lesen. Allerdings sind meine Erfahrungen überwiegend positiv. Tatsächlich gefallen meine Tweets offenbar auch solchen, die selbst keine Feminist_innen sind (was durchaus gerne mal betont wird). Meine Facebook-Kontakte, die vielleicht nur daher rühren, dass wir früher mal auf derselben Schule waren, können mitverfolgen, wie ich mit anderen Feminist_innen diskutiere. Sie erleben quasi “Feminismus live”, und das, ohne dafür in ein Frauenzentrum gehen zu müssen, also an einen für sie kulturell fremden Ort. Solche Schwellen gibt es im Internet nicht.

    Informationsfluss - Timeline auf Twitter oder Pinnwand bei FacebookReden online und Reden offlineUnterzeichnet! Leitet das weiter! Retweeted!

    ZUHÖREN – MITLESEN – DISKUTIEREN – SPRECHEN – EMPFEHLEN
    ➊ Die Timeline bei Twitter, die Pinnwand bei Facebook, ein beständiger Informationsfluss, nur dass wir selbstorganisiert unsere vertrauenswürdigen Netzwerke an die Stelle setzen, die sonst von den Redaktionen der Massenmedien organisiert werden.
    ➋ Es funktioniert in beide Richtungen: Menschen, mit denen wir uns gerne zum Dialog treffen, hören wir auch online zu. Menschen, mit denen wir online gerne kommunizieren, treffen wir gerne auch zum Austausch im “Real-Life”.
    ➌ Informationen, die uns wichtig erscheinen, leiten wir weiter. Uns relevant erscheinende Information fließt durch die Netzwerkkanäle.

    Sicher können soziale Netzwerke keine Wunder vollbringen, aber sie bieten nicht nur eine Möglichkeit zur klassischen Informationsverbreitung, sondern sind Plattformen für eine qualitativ neue Form politischer Vermittlungsarbeit. Hier wird eine politische Position nicht nur postuliert (wie etwa in einer Pressemeldung oder auf einem Flugblatt), sondern sie kann sich im Alltag bewähren und an unterschiedlichen aktuellen Anlässen neu ausformuliert werden, was ihre Reichweite enorm erhöht. Wenn ich mich zu tagespolitischen Themen wie Burkaverbot, Sorgerechts-Urteilen, Quotendebatten, Elterngeld und dergleichen äußere, steigen die Zugriffszahlen und Retweets stark an. Inzwischen werden sogar direkte Anfragen an mich gestellt, meine Follower_innen fordern mich auf, zu diesem oder jenem Sachverhalt etwas zu sagen. Damit bin ich nicht mehr in der Rolle der feministischen “Missionarin”, die mit ihrem ständigen Bezug auf das Genderthema nervt, sondern vielmehr in der Rolle der “Freundin”, die sich bei einem bestimmten Thema gut auskennt und die man anfragt, wenn man etwas wissen will oder eine Einschätzung braucht. Ein Rollenwechsel, der auch höhere Aufmerksamkeit für das, was ich dann sage, mit sich bringt.

    Dialog, Debatte, Diskurs im Netz

    Die Chance für die Vermittlung dissidenter Perspektiven liegt dabei in der Kontinuität der Kontakte bei gleichzeitiger relativer Unverbindlichkeit. Natürlich kann ich nichts erzwingen. Viele Leute werden meine Tweets nur nebenbei an sich vorbeirauschen lassen, manche finden mich trotz allem nervig oder uninteressant und entfolgen mich wieder. Wenn ich feministische Themen differenziert und komplex diskutieren möchte, dann geht das natürlich nicht von jetzt auf gleich. Aber im Blog und in den sozialen Netzwerken bin ich als Person präsent, ich äußere mich zu diesem und jenem, kommentiere bei anderen mit, verteile Links und so weiter. Ich stelle Themen und Thesen kontinuierlich und in “kleinen Häppchen“ zur Diskussion. Ich texte die anderen nicht einfach mit meinem Kram zu, sondern beziehe mich auf Themen und Ereignisse, die gerade aktuell sind und die die Menschen bewegen. Durch diese Kontinuität wächst die Wahrscheinlichkeit, in einem bestimmten Augenblick doch die nötige Aufmerksamkeit zu bekommen, um etwas anstoßen zu können oder eingefahrene Denkmuster aufzuweichen.

    Wobei das keine Einbahnstraße sein darf. Wer das Internet nur als weiteren “Vertriebsweg” benutzt, um die eigenen Positionen “unters Volk” zu bringen, hat das eigentliche Potenzial des Mediums nicht erkannt. Auch ich selbst muss mich für Neues öffnen, mich herausfordern lassen, meine Ansichten zur Debatte stellen – und das Risiko eingehen, dass am Ende ich es bin, die ihre Meinung geändert hat. Das ist im Internet nicht anders als im wirklichen Leben. Auch in einer anderer Hinsicht sind diese “kleinen Formate” übrigens hilfreich: nämlich zur kritischen Begleitung der öffentlichen Debatte. Wenn etwa wieder mal auf einem Podium ausschließlich Männer sitzen oder eine sexistische Werbekampagne am Start ist, kann ich hier kurz und knapp darauf hinweisen und das Ganze mit einem bissigen oder ironischen Kommentar versehen. So entgehe ich dem klassischen Dilemma, solche Stereotype entweder gar nicht zu beachten oder aber ihnen gerade durch die Kritik mehr Raum und Aufmerksamkeit zu verschaffen, als sie eigentlich verdienen. Sexistischer Unsinn ist im Allgemeinen nicht mehr wert als einen Tweet – der aber ist notwendig, damit das nicht unkommentiert stehen bleibt.

    Feedback durch die Sichtbarkeit der Debatte

    Durch die auf Beziehungen und Kontakten gegründeten Informationsflüsse in den sozialen Netzwerken, sowie durch die in Form von Kommentaren und Pingbacks entstehenden Querverbindungen zwischen einzelnen Blogger_innen ergeben sich Gespräche und ein Austausch, der erstmals in der Geschichte der Menschheit nicht mehr auf die kleine Gruppe der anwesenden Beteiligten beschränkt bleibt, sondern öffentlich ist. Mit dem Internet ist es möglich, Massenkommunikation und interaktive Kommunikation zu verknüpfen.

    Kommentare steuern zum Beispiel Informationen und Aspekte bei, auf die ich selbst nicht gekommen bin. Sie weisen mich auf Ungereimtheiten in der eigenen Argumentation hin – und auf mögliche andere Themen, an denen ebenfalls Interesse besteht. Der größte Pluspunkt gerade für die Vermittlung von nicht-mainstreamigen Positionen ist dabei, dass die Rückmeldungen mir die Gelegenheit geben, auf gängige Vorurteile gegenüber “dem Feminismus“ zu reagieren. Wenn entsprechende Einwände oder Nachfragen kommen, gibt mir das die Gelegenheit, den einen oder anderen Bereich zu vertiefen – und zwar einem interessierten Kreis von Leser_innen gegenüber. Ich verstehe Kommentare nicht als lästige Kritik (von den Trollen einmal abgesehen), sondern als weitere Wissensquelle: Sie vermitteln mir einen Eindruck von der jeweiligen Mainstream-Position zu meinem Blogpost, und zwar verbunden mit der Möglichkeit, etwas zu erläutern und richtig zu stellen oder unter Umständen auch noch mal neu über den einen oder anderen Aspekt nachzudenken.

    Allerdings ist der Diskussionsstil im Internet oft problematisch, was viele momentan noch abschreckt (mehr Frauen als Männer, wie ich glaube). Der Ton in Kommentaren ist häufig besserwisserisch und polemisch, und zwar nicht nur bei den üblen Pöbeleien, die man ohnehin gleich weglöscht, sondern auch bei ernsthaften Mitdiskutanten (mehr bei Männern als bei Frauen). Ich habe gute Erfahrungen mit einer eher restriktiven Kommentarpolitik gemacht. Und zwar nicht, weil ich mit harter Kritik nicht umgehen könnte, sondern im Interesse der Qualität der Kommentardiskussion insgesamt. Denn je rüder der Ton, desto weniger Lust haben andere, möglicherweise interessantere Leute, sich daran zu beteiligen. Von daher: Mit Kommentaren muss man experimentieren. Und man muss nicht alles freischalten, auch wenn viele dann empört «Zensur!» rufen. Als “Hausherrin” im eigenen Blog bestimme ich die Gesprächskultur, mit Zensur hat das nichts zu tun. Das Netz ist schließlich groß, und wer einen anderen Diskussionsstil bevorzugt, kann dafür ja ein eigenes Blog aufmachen.

    Oft höre ich auch den Einwand, dass dieses Internet doch sehr viel Zeit “frisst”. Besteht nicht die Gefahr, dass diese Energie quasi von meinem “eigentlichen” politischen Engagement abgezogen wird? Mir erscheint der Zeitaufwand, gemessen an den Vorteilen, relativ klein. Ich setze mich aber auch nicht hin und nehme mir viel Extra-Zeit, um zu überlegen, was ich bloggen und schon gar nicht, was ich twittern will. Sondern ich schreibe einfach genau das, was mir ohnehin durch den Kopf geht. Und das wird dann, je nach Gewicht, zu einem kleinen Tweet oder einem längeren Blogpost verarbeitet.

    Übung in der Debatte mit den Vielen und den Verschieden

    Sicher, das braucht etwas Übung und anfangs ist es durchaus auch zeitaufwändig. Aber meiner Erfahrung nach wird es irgendwann so selbstverständlich, dass es wie nebenbei läuft: Es kostet mich weniger Energie, einen Gedanken, einen Ärger rasch zu bloggen, als ihn tagelang mit mir im Kopf herumzuschleppen. Das ist auch eine Frage der Prioritätensetzung: Je mehr ich mich im Internet informiere, desto seltener nutze ich andere Medien (vor allem das Fernsehen habe ich inzwischen vollkommen abgeschafft). Und je mehr ich im Internet schreibe, desto weniger schreibe ich woanders, etwa in Zeitschriften oder Büchern.

    Das liegt einfach daran, dass ich das Schreiben im Internet – aus den genannten Gründen – spannender und wichtiger finde. In gewisser Weise bringt es uns wieder zurück zu dem, was die alten Griechen “Polis” nannten: also einer Gesellschaft, die davon lebt, dass sich alle (bei den alten Griechen waren es nur die freien Männer, aber sagen wir heut mal, wirklich alle) an der “öffentlichen Meinungsbildung” beteiligen. Eine Gesellschaft, die Politik als Diskurs der Verschiedenen versteht und im Gespräch, Austausch und Konflikt unter diesen vielen versucht, eine gute Lösung zu finden.

    Die Demokratisierung des Publizierens

    Das Verhältnis zwischen denen, die bezahlt und aus Profession schreiben oder Inhalte produzieren, und jenen, die das unbezahlt, aus eigenem Bedürfnis und Engagement heraus tun, verändert sich. Seit einigen Jahren schon befinden sich die Honorare, die in den etablierten Medien für freie Autor_innen bezahlt werden, im Sinkflug. Das Schreiben im Internet ist auch keine Alternative: Zwar kann man mit Werbung oder mit einem Mikro-Spendendienst wie Flattr kleine Geldbeträge einwerben, aber wirklich groß sind die Summen, die da zusammenkommen, nicht. Nicht einmal die großen Blogportale können sich daraus finanzieren. Mit dieser Entwicklung ändert sich auch tendenziell die Motivation fürs Publizieren: Sie kommt weniger aus der Bezahlung, die man dafür erhält, und mehr aus dem Engagement für die Themen, über die man schreibt.

    Der Grund für diesen Trend ist, dass sich verschoben hat, was “knapp” ist: Nicht mehr die Publikationsmöglichkeit ist heute das wertvolle Gut, sondern die Aufmerksamkeit des Publikums. Jede_r kann publizieren, die Frage ist, ob man auch gelesen wird – die Anbieter_innen konkurrieren also um die Aufmerksamkeit der Menschen, die unmöglich alles lesen können und eine Auswahl treffen müssen. Kriterien dafür sind die Originalität und Qualität der Beiträge, der Vernetzungsgrad und die Reputation der Autor_innen sowie ihre Fähigkeit, die eigenen Inhalte und Ansichten thematisch an das anzuknüpfen, was Menschen jeweils bewegt und umtreibt. Sicher haben die etablierten Medien dabei noch einen Vorsprung gegenüber unabhängigen Blogs und Foren. Doch dieser muss sich anhand von jenen Kriterien bewähren, die Internetnutzer_innen diesen Angeboten zubilligen, er versteht sich nicht mehr aufgrund eines exklusiven Zugangs zu Publikations- und Vertriebsmöglichkeiten von selbst.

    Gerade für Nicht-Mainstream-Diskurse, die es früher schwer hatten, einen Platz in dem knappen Gut “Publikationsmöglichkeit” zu erhaschen, bietet diese Entwicklung große Chancen. Sie sind ja ohnehin noch nie für ihr Schreiben und Publizieren bezahlt worden, ihnen geht es um die politische Botschaft und um die Chance, an einem öffentlichen Diskurs mitzuwirken. Politische Meinungsbildung ist nichts mehr, das automatisch ausgewiesenen “Expert_innen” zugeschrieben werden kann, sondern wir alle sind dafür verantwortlich. Insofern ist die aktive Beteiligung am Web 2.0 aus meiner Sicht nicht ein Spaß, ein Luxus, den man sich leisten kann, wenn man nichts Besseres zu tun hat, sondern tatsächlich so etwas wie “Bürger_innenpflicht”. Das gilt zwar besonders, aber nicht nur für politisch Interessierte. Alle Menschen wissen Sachen, haben Erfahrungen, sind originell, können Ratschläge geben oder kennen meinetwegen auch tolle Kochrezepte. Wir alle haben schließlich auf Kosten der Allgemeinheit eine Ausbildung genossen. Wäre es da nicht auch angemessen, davon der Allgemeinheit wieder etwas zurückzugeben? In Form von klugen Tweets oder Blogpost etwa? Oder auch in Form von Kommentaren und Replies? Ist es, anders gefragt, nicht ziemlich geizig und egoistisch, das eigene Wissen für sich selbst zu behalten, indem man aus dem Internet zwar gerne alle möglichen Sachen herausholt – aber nichts selber dazu beiträgt?

    Natürlich gibt es keine Pflicht zum Bloggen, Twittern und Facebooken. Doch gibt es heute eine viel größere Verantwortlichkeit für die Art und Weise, wie sich der oder die Einzelne am öffentlichen Diskurs beteiligt – oder eben auch nicht. Die Entscheidung dagegen ist jedenfalls genauso kritisch zu hinterfragen, wie die Entscheidung dafür.

    Zusammenfassung

    Wer die eigenen politischen und theoretischen Positionen in sozialen Netzwerken mitteilt und zur Diskussion stellt, entzieht sie dem “Mainstream-Test” und trägt sie dennoch über den Kreis der “üblichen Verdächtigen” hinaus. Die Möglichkeiten, andere Menschen an einem Diskurs zu beteiligen, vervielfältigen sich. Gerade die Niedrigschwelligkeit der Kontakte in den sozialen Netzwerken macht es wahrscheinlicher, Ideen auch Gruppen nahezubringen, die das eigene Anliegen nicht unbedingt teilen oder auch einfach noch nie davon gehört haben. Die kurze Form im Internet bietet eine Plattform, um öffentliche Diskursstränge kritisch zu begleiten, und die potenzielle Reichweite von Netzwerken steigt eklatant an. Auf diese Weise kann das Entstehen einer neuen Öffentlichkeit abseits von traditioneller “Meinungsführerschaft” und im Sinne des Widerspruchs, des öffentlichen Kommentierens, mitgestaltet werden.

    • Schreibe einen Blog über die Themen, die dir am Herzen liegen – mit webbasierter Software ist das kostenlos und erfordert kein technisches Verständnis. Lass dir Zeit und experimentiere, anfangs wirst du ohnehin noch nicht viele Leser_innen haben.
    • Besuche andere themenverwandte Blogs und teile dort dein Wissen und deine Meinung mit anderen. Mit der Zeit wird man dich auf diese Weise als interessante Gesprächspartnerin kennen lernen.
    • Experimentiere mit sozialen Netzwerken, melde dich bei Twitter oder Facebook an und beobachte das Geschehen. Anfangs mag diese Art des Netzwerkens und Diskutierens befremdlich erscheinen, mit der Zeit gewöhnt man sich dran.
    • Wenn du etwas nicht weißt, stelle Fragen. Die Leute im Internet sind im Allgemeinen sehr hilfsbereit, bei Unklarheiten weiterzuhelfen und Tipps zu geben.
    • Überlege nicht zu sehr, was “die Leute” interessieren könnte, sondern schreibe über das, was dich bewegt und wirklich interessiert und worüber du gut Bescheid weißt oder exklusive Informationen hast.
    • Mache nicht einfach nur Werbung für deine Produkte oder Gewissheiten, sondern stelle zur Diskussion, was dich umtreibt, gerne auch in Form von Fragen.
    • Mache es transparent, wenn du eine offizielle Funktion in einer Organisation oder einem Verband hast – im Internet reagiert man sehr sensibel auf “Schleichwerbung”.
    • Pflege Beziehungen. Missioniere nicht bloß für dein eigenes Anliegen, sondern interessiere dich auch für die Anliegen der anderen.